STRANGE FRUIT

Ja, meine sehr verehrten Damen und Herren,

so klingt das Lied, aus dem der Titel dieser Ausstellung stammt: Billie Holidays „Strange Fruit“, interpretiert von Nina Simone. Es gehört – seit es 1939 zum ersten Mal aufgeführt wurde – zu den Ikonen der Protestsongs gegen Lynchjustiz an Schwarzen in den Südstaaten der USA.

Als ich es zum ersten Mal hörte war ich förmlich sprachlos: Diese beinahe unerträgliche Engführung eines Südstaaten-Idylls mit den blühenden Magnolienbäumen und den „strange fruits“, den Körpern der Erhängten: „Scent of magnolias sweet and fresh – then the sudden smell of burning flesh…“ 

Wer diese Zeilen einmal gehört hat, der vergisst sie nicht. Denn das Lied treibt das zum Himmel schreiende Unrecht derart auf die Spitze, dass es einem förmlich das Blut in den Adern gefrieren lässt – nicht zuletzt durch die Interpretation von Nina Simone: das unglaubliche Glissando „for the leaves to drop“…

Im Original heißt es „for the trees to drop“, irgendwann fallen die leblosen Körper wie Früchte von den Bäumen. Diese Zeile ist zum Titel dieser Ausstellung geworden. Nicht nur, weil wir es in der Apsis tatsächlich mit von Bäumen gefallenen Ästen zu tun haben – sondern vor allem, weil sich das Lied – wir stehen am Beginn der Passionszeit – in gewisser Hinsicht auch als Passionslied verstehen lässt: Der Mord an einem Unschuldigen… – Von Paul Gerhardt kennen wir die alten Passionszeilen : „Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht?“

Das „tote Holz“ ist in der Kunstgeschichte immer wieder als Symbol für den „Kreuzesstamm“ gelesen worden. Das tote Holz, der Marterpfahl, das Folterwerkzeug. Nicht umsonst zeigt Paula Doepfner an den Seitenwänden Textzeichnungen, die sich eben mit dem Handwerk des Folterns beschäftigen: In monatelanger Kleinstarbeit hat sie medizinische Beschreibungen von Foltertexten in Textbilder verwandelt: Was tut Folter mit menschlichen Körpern? Wie erkennt man die Spuren der Folter im Nachhinein? Folter ist ein unsichtbares Geschäft… – so wie die Schriftzeichen auf Paula Doepfners Bildern für das bloße Auge beinahe unsichtbar sind. Dennoch sieht man ihnen die Wunden und die Narben, die Blut- und die Nervenbahnen an. Für die anatomischen Grundlagen ihrer Zeichnungen hat Paula Doepfner eigens in der Berliner Charité bei Operationen und Obduktionen hospitiert. 

Es ist kein Zufall, dass sich beide gegenseitig bedingen: Die Textzeichnungen an den Wänden und das Astwerk der Altarverhüllung. Beide zehren vom Organischen. Beide spielen mit dem Geäst und den Verästelungen. Beide sind auf ihre Weise Zeichnungen. Die Zeichnung als wucherndes Nerven- und Kreislaufsystem. Der Wald als wuchernde Raumzeichnung. In der Apsis unserer Kirche überwuchert er den Altar, ragt in den Kirchenraum hinein. Es gehört zu den Traditionen der Passionszeit, den Altar, den traditionellen Ort der Präsenz Gottes, zu verhüllen und so die menschliche Abgeschiedenheit, unsere Gottverlassenheit real spürbar zu machen. 

Diese theologischen Fährten kommen in gewisser Hinsicht durch den Kontext des Kirchenraums zu Paula Doepfners Werk hinzu. Denn sie denkt zunächst nicht aus dieser Richtung: Paula Doepfner kommt zunächst ganz aus der Arbeit mit Texten und organischen Elementen: Das Holz, das Eis, das Wasser, die Pflanzen, auch das Feuer gehören zu ihren künstlerischen Materialien. Wenn man einen feinen roten Faden finden möchte, dann könnte man sagen, dass sie alle etwas Vergängliches haben: das Eis, das sie in große Metallwannen setzt, um es im Laufe der Ausstellung schmelzen zu lassen, verwelkte Blumen, die sie zwischen Glasscheiben presst oder das Holz, das sie bisweilen in Feuer aufgehen lässt… 

Vielleicht lässt sich da auch eine Dimension des „memento mori“ herauslesen – der Hinweis auf unsere Vergänglichkeit. Jedenfalls ist es immer – auch noch im Robusten wie hier hinter mir – das Filigrane, das Zarte und damit auch das Verletzliche: Die japanischen Papiere, die Paula Doepfner für ihre Zeichnungen benutzt, sind nicht mehr als ein Hauch zwischen zwei Glasscheiben gehalten. Die Buchstaben, die sie auf die Papiere setzt, sind so zart, dass man beinahe nicht glauben will, dass sie mit der Hand gezeichnet sind. Über Monate arbeitet sie an einer Zeichnung. Die für das bloße Auge beinahe unsichtbaren Buchstaben wirken wie über das Papier geweht. Die Texte selbst wirken bisweilen, als könnten sie sich in jedem Augenblick wieder neu zusammensetzen. Ob man sie nun lesen kann oder nicht spielt weniger eine Rolle. Eher geht es um eine Ahnung von Lesbarkeit, die sich aber nicht gleich erfüllt. Sprache bleibt immer auch Geheimnis… 

Vielleicht kommt daher auch ihre Affinität zur Lyrik: Immer wieder hat Paula Doepfner mit dem Lyriker Durs Grünbein zusammengearbeitet, der heute Abend auch lesen wird. Die beiden arbeiten auch jetzt wieder zusammen an einem Projekt über die Pinien Roms: Sie haben sich vorgenommen, jeden einzelnen Pinienbaum in Rom zu dokumentieren und zu porträtieren. Und in der  Tat scheint es zwischen den Werken der beiden sehr feine Verbindungslinien zu geben: Wer Durs Grünbeins Texte kennt, wird das Zusammenspiel von sezierender Klarheit und bleibendem Geheimnis im Ohr haben. „Schädelbasislektion“ heißt ein früher Band, der – wie Paula Doepfners Arbeiten auch – mit der Faszination des Anatomischen und Neuronalen, der organischen Basis unseres Bewusstseins, spielt.

Kein Wunder, dass Grünbeins Texte auch in Paula Doepfners Zeichnungen vorkommen. Oben auf der Empore können Sie das sehen. – Überhaupt tut sich auf der Empore noch einmal eine andere, wenn auch kleine, Welt auf. Denn während wir im unteren Teil der Kirche von Folterberichten umgeben sind, stehen wir im oberen Teil der Kirche vor utopischen Texten, gleichsam Schrift gewordenen Hoffnungsschimmern – nur das Bild am Taufbecken verbindet die beiden Teile – vielleicht kein schlechter Platz. – „Wie Menschsein auch anders denkbar sein kann“, hat der österreichische Schriftsteller Robert Musil sinngemäß gesagt und damit das Stichwort für Paula Doepfners Beschäftigung mit utopischen Texten gegeben: Wie sich unser Leben auch anders denken lässt, wie sich in Texten andere Welten suchen und finden lassen – das sind Fragen, die auch Paula Doepfner beschäftigen, und die nicht zufällig im oberen Teil der Kirche, etwas versteckt, aber zugleich etwas (!) näher am Himmel platziert sind. 

Es ist auch kein Zufall, dass sich die entsprechenden Texte, die geschriebenen Hoffnungsschimmer nicht ganz so einfach lesen lassen. „Wer das lesen könnt…“ lässt Georg Büchner seinen Woyzeck im Anblick von Schwämmen und Moosen auf dem Boden sagen. „Wer das lesen könnt“… – Woyzeck ist sich sicher, dass, wer im Buch der Natur lesen könnte, auch das Geheimnis unserer Natur, unseres Menschseins entschlüsselt hätte… – nur wie lesen? Welche Hermeneutik wäre da anzuwenden?

Paula Doepfner lässt eine Ahnung davon hier im Kirchenraum aufschimmern. Denn wenn sich ihre beinahe lesbaren Textzeichnungen im Kirchenraum ästhetisch mit den Verästelungen und Verzweigungen des Unterholzes im Altarbereich der Kirche verbinden, dann stellt sich auch hier die Frage nach der Lesbarkeit der Natur und nach dem Umgang mit der Erfahrung ihrer Unlesbarkeit.

In gewisser Hinsicht führt uns Paula Doepfner hinein: In das Unterholz des Sinns, in die Dinge, die sich nur ahnen, die sich wünschen, die sich hoffen lassen… – In gewisser Hinsicht stellt uns Paula Doepfner mitten hinein in die synaptischen Verflechtungen von Text und Holz, Folter und Utopie, von Leiden und Hoffnung, von Lesbarkeit und Unlesbarkeit unserer Welt. Die Reibungen dieser Polaritäten schätzt sie.

Wir sind mittendrin.

Und dafür sind wir Dir, liebe Paula, von Herzen dankbar!

Vielen Dank!

Hannes Langbein
Berlin, 07. März 2019