Artist Feature – Paula Doepfner

Auch die Künstlerin Paula Doepfner arbeitet mit Sprache. In winziger, gestochener Schrift zeichnet sie Buchstaben auf hauchdünnes Gampi Papier. Es ist eine „Verheißung der Lesbarkeit“, wie es Durs Grünbein in einem sehr lesenswerten Essay über Doepfners Arbeit beschreibt. Ihr Bezugsrahmen spannt sich weit: Die Texte kommen aus der Lyrik, der Prosa, der Theorie und aus Dokumenten zu Menschenrechten. Steht man nur ein bisschen weiter weg, sieht man Formen, sanfte geschwungene, organische Verästelungen. Tatsächlich handelt es sich um organische Strukturen: Doepfner orientiert sich an Skizzen, die sie als Zuschauerin von Hirnoperationen und Obduktionen an der Berliner Charité gefertigt hat. 

Bei dem Text der Arbeit „YOU and ME“ handelt es sich um das berühmte Kapitel „Atemzüge eines Sommertags“ aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Die Künstlerin hat alle Entwürfe des Schriftstellers, die er für das Kapitel gemacht hat, aufgeschrieben. Damit wird nicht nur der Inhalt, sondern auch der Prozess des Geschriebenen sichtbar. Aber die Themen des Kapitels bleiben wichtig: Das Gespräch der Geschwister Agathe und Ulrich über Mystik ist ganz sicher relevant für das Verständnis von Doepfners Arbeiten. In der Mystik schließlich wird das Wort Fleisch, vereint sich Spiritualität und Natur. 

Prozesse und Verwandlungen spielen auch in ihren Glasarbeiten eine Rolle. Als Grundlage dienen der Künstlerin Panzerglasscheiben, die bei antikapitalistischen Demonstrationen eingeschlagen wurden. Auf das Glas trägt sie gepresste Pflanzen und Pigmente mit Naturlack auf und versiegelt sie. Dadurch entstehen neue Flächen, das Glas hat sich verändert, ist zu einer neuen, intakten Struktur geworden. Der Prozess der Zerstörung ist noch sichtbar, und gleichzeitig hat sich aus ihre eine produktive Transformation vollzogen. Zugrunde liegen den Formen des Pigments wiederum farbige Skizzen von Hirnarealen, auch hier spielen sie also zusammen, die großen Themen; Politik, Wissenschaft und Natur. 

Wer in Berlin ist, kann sich Paula Doepfners Arbeiten IRL anschauen, entweder in der Galerie Nothelfer (noch bis zum 26. Juni) oder im Haus am Kleistpark (vom 11. Juni bis zum 15. August).

Theresia Enzensberger
Mai 2021