Für Paula Doepfner von Dr. Jenny Graser

Ohne eine Lupe oder andere Hilfsmittel zu verwenden, setzt die in Berlin und Rom lebende Künstlerin Paula Doepfner für ihre Zeichnungen der Serie I want to take a journey to the devil down below Blockbuchstaben in der Größe von einem Millimeter per Hand auf das von ihr bevorzugt verwendete Gampi Papier. Die Buchstaben fügen sich zu Zeilen, die in geschwungene Linien übergehen und weitverzweigte Gewebestrukturen entstehen lassen, die Assoziationen an organische Nervenfasern wecken und an die abstrakten Formengeflechte von Wols und Bernard Schultze erinnern. Während die Künstler des Tachismus und Informel das kreative Potenzial des Unbewussten ausschöpften, mitunter mit geschlossenen Augen zeichneten und dadurch den Zufall in den Zeichenprozess integrierten, bereitet Doepfner ihre Zeichnungen präzise vor: An der Berliner Charité nahm und nimmt sie noch immer als stumme Beobachterin an Hirnoperationen und Obduktionen teil und skizziert dabei Nervenzellen und Hirnareale der Patienten. Diese Skizzen bilden die Grundlage für den Verlauf des über das Papier gespannten Textes, der dem 2004 veröffentlichten Istanbul-Protokoll, dem Handbuch für die wirksame Untersuchung und Dokumentation von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder entwürdigender Behandlung oder Strafe, entnommen ist. Das Handbuch protokolliert Folterspuren physischer wie psychischer Art und zeigt, wie diese Spuren, auch die scheinbar unsichtbaren und im Nervensystem gespeicherten, valid nachgewiesen werden können. Passagen aus dem Istanbul-Protokoll kombiniert Doepfner mit Zeilen aus lyrischen Texten der kanadischen Dichterin Anne Carson, die sich mit existenzialistischen Fragestellungen beschäftigt und dabei die Schrecken und Grauen des Lebens nicht ausklammert. Die von Emotionen durchdrungene, Reim und Rhythmus einbeziehende Lyrik und die Kühle und Strenge der juristischen Sprache des Handbuchs werden von Doepfner sinnstiftend miteinander verwoben. Das Aufeinanderprallen von Gegensätzen ist paradigmatisch für ihre künstlerische Praxis und zeigt sich sowohl in ihren Schriftbildern, als auch in ihren Performances, Skulpturen und Installationen, die sich der Fülle des Lebens wie auch dessen Entzug stellen. 

Dr. Jenny Graser
Juli 2022