Der Stoff, aus dem die Träume sind

Paula Doepfners Installation Im Schlaf ohne Schlaf

Substanz muss Substrat werden
Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Why, why, why, why are we sleeping?
Kevin Ayers

Der Ausgangspunkt von Paula Doepfners Installation ist der Traum. Er erscheint als ein verborgenes Geschehen oder als ein inneres Bild im Menschen, der schläft. Das, was Schlaf ist, bleibt auch gegenwärtig ein Mysterium der menschlichen Existenz, das die Naturwissenschaften nur unzureichend deuten und erklären können. Gewiss ist, dass Schlaf und Traum in Verbindung mit dem Energiehaushalt des Menschen stehen. Alle Energie ist stofflicher Natur, sie ist der Brennstoff des Menschen. Ohne Brennstoff kann er nicht funktionieren, das heißt leben. Die menschliche ´Maschine´ braucht entsprechend ihrer Konstitution verschiedene Energieformen für die lebendigen Prozesse, die auf einer grundlegenden Ebene körperlicher, emotionaler und gedanklicher Natur sind. Woher die Energie oder die unterschiedlichen Energieformen kommen, wie und wann sie in den Menschen eindringen und ihn ´aufladen´, wie der Mensch Energie bewusst und auf ´angemessene´ Weise verbrauchen kann, ohne unbeabsichtigt Leck zu schlagen und leer zu laufen, sind Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind. Gleichwohl sind sie von wesentlicher Bedeutung, genauso wie die Frage, ob es Energieformen gibt, die nicht nur für die basalen Lebensfunktionen da sind, sondern auch für Aufgaben, die mit einer überindividuellen Realität des Menschen zu tun haben.

Ist es nicht seit je her die Aufgabe der Kunst gewesen, mit diesen überindividuellen Energieformen umzugehen, ihren Spuren zu folgen und ihnen ein Antlitz zu verleihen? Der Mensch erhält durch die Anschaulichkeit und die Wirklichkeit künstlerischer Materialisationen, die jenseits der profanen Wirklichkeit liegen, eine Möglichkeit, über seine persönlichen Belange hinaus zu gehen.

In genau diesem Sinne ist das Material für Paula Doepfners Kunstwerke weniger ein persönlicher und intimer Vorgang, sondern es ist die offensichtliche Vitalität der Träume, die von ihr gefiltert, geformt und in die sicht- und fühlbare Welt übertragen wird. So, wie der Arm des Phonographen eine Schallplatte mit leidenschaftsloser Genauigkeit abtastet, um sie in ein anderes Material zu transformieren, so folgt die Hand der Künstlerin seismographisch dem energetischen Impulsreservoir ihrer Träume. Der sinnliche Niederschlag dieser Transformationen entspricht dabei der Besonderheit der Traum-Materie: Feine und feinste Lineaturen verdichten sich zu Wortgebilden einer unbekannten Sprache, zu organisch wirkenden Konglomeraten, die sich schwimmend oder den Wolken gleich wieder zu verflüchtigen scheinen. Die unbenennbare Wesenhaftigkeit dieser Gebilde schlägt sich nieder auf einem adäquat ephemären, milchigen Trägermedium. Die Schwerelosigkeit dieser feinen Abkömmlinge einer uns nicht wirklich bekannten Welt wird dann in einem weiteren Schritt von der Künstlerin in den Rahmen unserer konventionellen Dingwelt überführt. Durch den großen Kontrast zwischen den ätherischen, geisterhaften Niederschlägen und den stabilen, blockhaften Kästen, in denen die Traum-Notate eingeschlossen und illuminiert werden, entsteht eine reizvolle und rätselhafte Spannung. Der Betrachter kann sich angesichts dieser Spannung als ein Wesen erfahren, dass es mit materiellen Gegebenheiten von prinzipiell unterschiedlicher Wesens- und Erscheinungsform zu tun hat, eine Erfahrung, die die Existenz im ´Schlaf´ unserer Alltäglichkeit nicht ermöglicht.

Eine erweckende Kraft strahlt auch von den Eisblöcken der Künstlerin ab. Sie sind anthropomorphe Batterien, verharrend in ihren metallenen Liegestätten, um vielleicht eines Tages aufzuerstehen. Das Material dieser ´Leiber´ ist gefrorenes, aufgeschichtetes, also ´erwachsenes´ Wasser, das der Zeitlichkeit ausgesetzt ist. In der überindividuellen Zwangsläufigkeit dieses Zeitverlaufs ereignet sich ein Mysterium der Verwandlung, das man profan als Schmelze bezeichnet. Einbezogen in diese Schmelze sind ´Grab-Beigaben´, die dem kalten, ´un-erweckten´ Körper als Nahrung dienen sollen: auf Papier notierte Träume der Künstlerin, sowie organisches Material in Form von Wurzeln und Moos. Diese ´Beigaben´ sind real und metaphorisch in den sich vollziehenden Auflösungsprozess, der eher ein Transformationsprozess zu sein scheint, einbezogen. Das symbolische Ereignis der Transformation, bzw. Inkorporation verweist auf die Möglichkeit einer Verankerung, auf den festen Punkt, der sich konkret als ein Substrat im Menschen, im menschlichen Körper ausbilden kann, abseits und fern von den uns geläufigen Zeit- und Entwicklungsvorstellungen. Diese Substrat-Bildung braucht das persönliche, individuelle Sein in Form der aufgeschriebenen Träume als Material und Durchgangsstadium, lässt es aber nicht unversehrt zurück.

Thomas Groetz
April 2009

Text für die Ausstellung „Paula Doepfner – Im Schlaf ohne Schlaf“ in der St. Johannes Evangelist-Kirche, Berlin.